Norbert Maibaum - Mini Saison 2008 - Transat 6,50 2009

GER 338 - Coconut Run

Norbert Maibaum - Mini Saison 2008 - Transat 6,50 2009 header image 2

Les Açores - Les Sables (Etape 2) - Bericht

September 10th, 2008 · No Comments · Azoren-Race, Qualifizierung Transat 6,50

Die Versuche der Reparatur des zweiten, des elektrischen Autopiloten war gleichzeitig das Kennenlernen und eine Besichtigung der Yacht- und Elektronik-Services in Horta. Sehr, sehr hilfsbereit haben alle versucht meinem Pinnen-Piloten wieder seine Funktion zu verleihen. Am Ende jedoch ergebnislos.

Ich habe daraufhin weitere 10 Liter Benzin für den Generator gekauft, denn ich wusste, dass mit der ausschließlichen Nutzung des hydraulischen Autopiloten, die Bord-Batterien viel stärker belastet werden. Regelmäßiges Aufladen - und damit täglich mehrere Stunden Generator-Lauf im Cockpit setze ich für die zweite Etappe auf das Programm…

Für den Start entschied ich mich die Fock zu nutzen. Das war gut, denn schon hinter der kleinen Abdeckung nördlich der Bucht von Horta kam mehr Wind. Dieser wurde aber bereits 20 Minuten nach dem Start weniger, so dass ich mit der kleinen Fock nicht mehr genug Speed machte. Ich musste diese aufmachen und konnte dann aber nicht mehr genug Höhe fahren. Ich verlor einiges zum Feld. Luc mit 320 hatte dieselben Schwierigkeiten und fuhr sogar noch wesentlich mehr Tiefe als ich. Ich wechselte auf die Genua. Aber selbst mit Genua lief ich - bei nun inzwischen leichtem Wind - nicht genug Geschwindigkeit. Generator und Sprit sind einfach zu schwer. Trotzdem bleibt der Pico irgendwann achteraus.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Ich wechsel auf den Gennacker und verteile das Gewicht optimal unter Deck. Hier am Anfang will ich nicht schon Stecke auf die Anderen verlieren.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Die Passage nördlich von São Jorge liefert ein wunderbares und unglaubliches Natur-Panorama. Ich segel direkt an der einige hundert Meter hohen Steilküste vorbei… wow!

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Der Wind dreht weiter nach Westen, ich fiere die Segel. Wir werden schneller. Die Welle nimmt zu und ich staue die Ausrüstung unter Deck nochmals um. Die Dämmerung setzt ein. Meine Gedanken sind - so kurz nach dem Start - schon fast im Ziel. Die letzte Etappe dieses Rennens ist zugleich auch der Saisonabschluss in diesem Jahr für mich. Diese Etappe ist der Weg nach Hause. Dort war ich das letzte mal vor drei Monaten:  Für eine knappe Woche. - Ich kontrolliere Trimm und Speed. Nun endlich machen wir genügend Geschwindigkeit. Es ist eine schnelle Passage vorausgesagt worden. Für die nächsten Tage ist starker achterlicher Wind prophezeit. Um so wichtiger wird für mich der Bordablauf: Die Batteriespannung zeigt das der Generator an Deck muss, bevor es ganz dunkel ist und so fahre ich mit einem Motoren-Knattern in diese Nacht.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Am nächsten Tag sehe ich weit entfernt die nördlichste Insel der Groupe Central - Gracoisa. Ja, es geht nach Hause. Die Kontrolle von Bordspannung und Segel-Trimm bleiben meine wichtigsten Aufgaben. Wie bereits auf der ersten Etappe, ist es nun auch so, dass morgens und abends die Positionen über VHF (UKW-Funk) an die Begleitboote weitergegeben werden. Momentan sind noch alle Begleitboote in meiner Hör-Reichweite.

Schon am nächsten Tag hat sich das geändert. Ich werde wieder - wie bereits auf der ersten Etappe - von “Kanaloa” gerufen und reporte meinen Standort an sie. Am Horizont vor mir sehe ich ein Segel. Ich vermute zuerst, dass ich jemanden einhole, aber stelle später fest, dass mir das Boot entgegen segelt. Nur mit flatterndem Groß im 1. Reff kommt mir No. 132 treibend entgegen. Da ich niemanden an Deck sehe rufe ich den Skipper über Funk und erhalte glücklicherweise eine Antwort, mit Beschreibung der Schwierigkeiten auf französisch. Ich verstehe nicht viel, aber es war mir vor allem wichtig festzustellen, dass Maxence noch an Bord ist. Er ist. Gut!

Der Wind nimmt stetig zu und wir machen richtig gut Strecke. Der Autopilot steuert im Wind-Mode. Das heißt, dass wir einen bestimmten Winkel zum Wind - den ich eingestellt habe - beibehalten. Bei Winddrehern droht damit nicht die Gefahr, das der Wind plötzlich ungünstig zum Kurs und Trimm des Schiffes eintrifft. Das Risiko eines “Sonnenschusses”, das “Aus-dem-Ruder-laufen” und damit der Verlust der Kontrolle über das Ruder ist damit stark minimiert. Der Wind-Mode funktioniert bisher perfekt.

Das Wetter verschlechtert sich, so dass ich beginne, die Segelfläche zu verkleinern. Ich merke jeweils, ob die Entscheidung die richtige war, wenn das Reffen keine Auswirkung auf unsere  Geschwindigkeit hat. Später ist Reff 2 dran. Ich fahre aber weiter unter Gennacker. Als ich unter Deck versuche zu schlafen, schaffe ich dass nicht, weil vom Vorschiff ein Quietschen kommt. Unter Deck ist nichts was dieses Geräusch verursachen könnte. Auslöser scheint der schwenkbare Spi-Baum zu sein. Ich versuche trotzdem etwas zu schlafen. Es ist sinnlos. Ich bin beunruhigt, dass der Baum wegbrechen könnte. Jedoch: Sobald ich an Deck bin, ist dieses Geräusch nicht mehr hörbar. Also bleibe ich an Deck. Müdigkeit treibt mich wieder runter und damit höre ich dieses Geräusch wieder. Ich entscheide mich dann doch auf die Genua zu wechseln. 7,5 Knoten mit Genua und zweiten Reff im Groß, dass passt.

Zur Kontrolle des Ruderdrucks steuere ich zwischendurch immer mit der Hand. Irgendwann habe ich den Eindruck das auch die Genua zu viel ist: Also runter damit. Bei der Kontrolle der Windgeschwindigkeit stelle ich fest, dass inzwischen mehr als 30 Knoten auf dem Display stehen. Das setzen der Fock auf dem Vordeck ist für mich in Anbetracht meiner Müdigkeit erstmal kein Thema. Mehr als 8 Knoten nur dem Groß finde ich momentan eine gute Geschwindigkei, um sicher schlafen zu können.

Plötzlich fliegt alles durch die Gegend: Was ist los? Sekunden vergehen. Ich sehe ins Cockpit: Wir liegen auf der Seite. Das Cockpit ist halb voll Wasser, so nah am Niedergang, dass es fast reinläuft. Noch verschlafen, denke ich: Muss ich raus und die Großschot aufmachen? Ich realisiere jetzt erst das Chaos in der Kajüte. Ich greife den Generator, der auf der unteren Seite liegt, um zu verhindern, dass dieser in die ungeschützte Bilge zurückfällt und mit seinem Gewicht strukturellen Schaden anrichtet. Gerade rechtzeitig. Schon beginnt Coconut Run sich wieder aufzurichten.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Draußen kontrolliere ich Kurs und stelle den Piloten wieder ein. Unter Deck stinkt es nach Benzin. Die gesamte Ausrüstung ist von der “hohen Kante” auf die anderen Seite gefallen - über mich rüber! Acht Kanister - 60 Liter Wasser, 20 Liter Benzin. Taschen mit Werkeug, Navigations-Ausrüstung und Reserve-Kleidung. Dazwischen Äpfel, Gurken, Besteck, Plastikboxen. Tüten mit Trockennahrung. Überall klebrige braune Flecken - das Cappuccino-Pulver! Zum Glück liegen die Segel unter all dem Chaos, ein gutes Polster für die schweren Kanister. Ich muss wieder raus: Der Autopilot steuert komisch. Ich steuere also von Hand. Ja - das ist ne Menge Wind! Ich versuche nochmal den Wind-Mode zu aktivieren, aber es funktioniert nicht. Ich wechsel auf den Compass-Mode. Dabei wird ein Kompass-Kurs am Piloten eingestellt, so dass das Schiff unabhängig von Wind und Segeltrimm einen bestimmten Kurs hält. Bei diesem achterlichem Wind ist damit ab sofort mehr Aufmerksamkeit notwendig.

Ich stelle fest, dass der Verklicker angebrochen ist: Es ist nun zu festzustellen, ob der vordere Teil den Wind korrekt anzeigt oder der hintere Teil… Die Topp-Instrumte zum Messen von Windrichtung und -stärke funktionieren leider ebenfalls nicht mehr korrekt.

Glücklicherweise sind dies die einzigen wirklichen Schäden des “Knock-Downs”. Das Funkgerät kann mit einem Kabelbinder fixiert werden. Inzwischen habe ich die Fock gesetzt. Beim täglichen Radio-Broadcast der Regattaleitung merke ich, dass ich doch ziemlich weit hinten im Feld liege. Aber ich bin auf Kurs! Irgendetwas ist hingegen mit Remy (492) passiert. Ich verstehe nur, dass er nach La Coruna reingeht.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

In meiner Nähe segeln noch Luc (320) und Marie (395). Marie versucht genau wie ich ihre Position an ein Begleitschiff zu geben. Auch bei ihr bleibt es bei dem Versuch. Wir tauschen unsere Positionen untereinander aus, für weitere Kommunikation reichen meine französischen Sprachkenntnisse leider nicht.

Ich versuche einen nördlichen Kurs zu fahren, so wie von Eddie vor dem Rennen vorgeschlagen. Den direkten Kurs könnte ich bei diesem Wind auch steuern, aber solange die Windverhältnisse am Kap Finisterre nicht klar sind, steuere ich nördlicher und fahre einen Mittelweg zwischen Routing und Möglichkeit.

Die Biscaya kommt näher. Um TSS Finisterre (ein großes Verkehrstrennungsgebiet für die Berufsschifffahrt) brauche ich mich nicht zu kümmern, da ich mehr als 100 Meilen nörlich davon passiere. Nun muss ich aber doch regelmäßig Ausschau halten, denn von beiden Seiten kreuzen viele Cargo’s meinen Weg. Wenn ich mir unsicher bin, ob wir gesehen werden, spreche ich sie direkt über Funk an. Das klappt gut.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Mit Eintritt in die Biscaya wird das Wetter besser und fühle ich mich schon fast im “heimatlichem Revier”. Zum Saisonbeginn hielt ich die Untiefe von “Rochebonne” 40 Meilen vor der Küste noch für “weit draußen”. Jetzt sehe ich 200 Meilen vor der Küste die ersten Fischer. Länger als 20 Minuten bleibe ich nun nie unter Deck. Trotzdem passiert einmal ein Fischer mit Volldampf dicht an mir: Ich sehe nur noch sein Heck als ich nach oben ins Cockpit komme.

Die ersten Boote sind bereits im Ziel. Für mich ist es nun ungünstig, dass ich vorher nicht noch weiter nördlich gefahren bin. Von meiner Position fahre ich mit dem nördlichen Wind bis zu 70 Grad am Wind. Das wäre vermeidbar gewesen. Mit Gennacker kann ich aber trotzdem guten Speed machen. Ich beginne nun zu hoffen, dass der Wind nicht noch vor meinem Zieleingang abflaut und steuere fast ausschließlich mit der Hand, da Coconut Run von der seitlichen Welle immer wieder weggedrückt wird. Ich kann die Welle viel besser und schneller aussteuern als der Pilot.

Am letzten Morgen nur 35 Meilen vor dem Ziel flaut der Wind doch noch sehr stark ab. Ich versuche mit mehreren Wechseln zwischen Gennacker und Genua weiter Speed zu machen. Plötzlich fällt der Wind viel achterlicher ein. Der große Spi kommt zum Einsatz. Leider muss ich damit ordentlich abfallen, damit der Spi stehen bleibt. Wenn der Wind jetzt wieder nach Norden dreht, hätte ich eine Leichtwind-Kreuz. Das will ich vermeiden: Der Spi kommt also wieder runter und nun wieder mehrere Wechsel zwischen Gennacker und Genua. Je näher ich die Kulisse von Les Sables kommen sehe, je mehr dreht der Wind wieder achterlich. Der Spi geht also nochmal hoch.

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

Leichtwind. Der Vormittag ist schon fast vorbei und die Sonne steigt. Ich schwitze. Konzentration. Hoffentlich bleibe ich nicht noch hier vor dem Ziel in der Flaute liegen. Meine Bewegungen versuche ich auf das Minimum zu reduzieren, um Fahrt im Schiff zu behalten. Ich habe Glück und es frischt ein wenig auf. Ich melde meine voraussichtliche Ankunft “in 30 Minuten” an die Regattaleitung. Kurze Zeit später kommt auch schon ein Zodiac auf mich zugerast. Steffi ist auch an Bord. Ich freue mich riesig!

An der Süd-Tonne vor der Ziellinie, muss ich den Spi wieder runter nehmen, um mit einem Am-Wind ins Ziel zu fahren. Ich gehe nach vorn zum Bug, um die Linie direkt zu sehen:

 Les Açores   Les Sables (Etape 2)   Bericht

JAaaa, da ist es. Es fühlt sich gut an !!

Tags:

0 responses so far ↓

  • There are no comments yet...Kick things off by filling out the form below.

You must log in to post a comment.