Norbert Maibaum - Mini Saison 2008 - Transat 6,50 2009

GER 338 - Coconut Run

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10 Tage und 10 Stunden…

Mai 15th, 2008 · 4 Comments · 1000sm SOLO - Qualifier, Qualifizierung Azoren-Race, Qualifizierung Transat 6,50

allein auf meinem Boot. Der Gewinn riesiger Erfahrung, vielen Eindrücken von Natur, der Wetterentwicklung und meinen Reaktionen in der Schiffsführung darauf.

Das Wichtigste für mich jedoch: Das Kennenlernen der neuen Ausrüstung, die eigentlich als Backup gedacht war. Da ich bereits am zweiten Tag der Passage bemerkt habe, dass die Bordspannung so gering ist, dass das fest eingebaute GPS die Daten sehr verzögert darstellte, das UKW-Funkgerät sich abschaltete und Coconut Run zu dieser Zeit bereits seit Stunden vom neuen, zweiten Autopiloten gesteuert wurde, da die Spannung für die „große“ Gyro-Anlage nicht mehr ausreichte und das Boot in diesem Fall begann Kreise zu fahren, hatte ich Zweifel, ob es Sinn machen würde diese 1000 SOLO- Meilen – Passage fortzusetzen. Hinzu kam zu diesem Zeitpunkt, wie bereits von von Steffi erwähnt, die Situation, dass ich völlig übermüdet in die zweite Nacht fuhr und dabei vom Kampf gegen Wind und Welle unterhalb vom Raz du Seine einfach komplett „alle“ war. Ich hätte eine ganze Nacht gegen diese sehr, sehr unangenehme Welle kreuzen müssen und war dazu körperlich einfach nicht mehr in der Lage. Zwei Stunden vor dem letzten Sonnenlicht, traf ich dann die Entscheidung ca. 15 Meilen zuück abzulaufen und wollte dann mit dem letzten Licht noch einen Hafen „um die Ecke“ ansteuern. Auf der Karte und im Reeds sah das passend aus. Leider dauerte das zurücksegeln 4 anstatt wie gedacht 2 Stunden und ich war erst mitten in der Nacht vor der Ansteuerungstonne zur Einfahrt.

So übermüdet vom selbst steuern mit Dauer-Blick auf den rot beleuchteten Hintergrund des Steuerkompasses war ich dann abslout nicht in der Lage die beschriebene Deck-Peilung der Ausfahrt ausfindig zu machen. Dazu schaukelte das Coconut Run in der kabbeligen 2 Meter Welle , so dass ich nicht daran glaubte so eine schmale Einfahrt unter diesen Umständen sicher passieren zu können. Ich versuchte Steffi telefonisch zu erreichen… ergebnislos. Ich schrieb eine SMS an Eddi und: Unglaublich! Er schrieb zurück!! Nachts gegen 2 Uhr gingen dann ein paar SMS hin und her, und Eddi versicherte mir, das Wetter sieht weiterhin nicht schlecht aus. Mein Blick in die Karte sagte, der nächste mögliche Hafen wäre Benodet und nochmals 15 Meilen zurück. Nachts um 2.30 Uhr, müde, schlapp und frustriert, wollte ich aber nicht noch weiter zurück. Ich dachte: „Abbrechen und auf eine weitere Startmöglichkeit warten oder ggf. „nur“ fortsetzen würde meine ganze Planung durcheinander werfen. Ob es dann nochmal so ein günstiges Wetterfenster geben würde ist ungewiss.“ Nachdem ich dann 2 Stunden unter gereffter Fock in der Abdeckung hin und her geschaukelt bin und die positive Aussage von Eddie zum Wetter hatte, dachte ich, der starke lokale Wind kann eigentlich nur abflauen. Ich steuerte das Boot wieder in Richtung Raz du Seine und setzte wieder das Groß mit zweitem Reff.

Nach den paar Stunden in der Wind-Abdeckung hatte ich mich doch etwas erholt. Die Müdigkeit war für den Moment überwunden. Mit Helligkeit war wieder genug Bordspannung vorhanden, dass der kleine Pilot steuerte. Beim raus segeln in Richtung 240 Grad ( = nicht „ganz“ meine Richtung, denn ich wollte nach Norden) hatte ich aber freien Seeraum. Der Pilot steuerte diesen Kurs gut und die Welle war erträglich. Ich ging unter Deck und stellte den Zeitwecker dann mehrmals auf 20min.

 10 Tage und 10 Stunden...

Als ich dann wieder nach oben kam war ich ein gutes Stück westlich und inzwischen war es möglich wieder viel mehr Höhe zu laufen,auf dem anderen Bug war es ein Anlieger zur Westtonne “Chaussee du Seine”. Gegen Abend sollte damit die Passage der Tonne Chaussee du Seine möglich sein. Ich war glücklicher über meine Entscheidung nicht nach Benodet gefahren zu sein!

Nachts im Verkehrstrennungsgebiet schaltete ich dann das UKW-Funkgerät ein, um ggf. auf mich aufmerksam machen zu können. Als ich parallel zu einem großen Schiff lief steuerte ich auf sein Heck zu, damit er sieht, dass ich seinen Kurs nicht gefährde. Ich hörte darauf eine abgehacktes „T h a n k y o u S k i p p e r“ über den Lautsprecher! Cool!!

Keine 10min später hörte ich 3 mal mein Rufzeichen und Coconut Run – Coconut – Coconut Run – CAN YOU HEAR ME?

HALLO ?? Ich dachte: dass klappt ja toll!! Keine Gefahr, die haben mich die ganze Zeit auf dem Schirm! Upps, nee, ich war doch überrascht, als ich hörte, dass es eine Vermisstenmeldung gab — „I am ok, I am on Qualifaction Course for Classe Mini. 1000 miles SOLO. I am headed for CONINBEG, South of IRELAND. After I go to La Rochelle.“ Zu erklären, dass ich nur Ile de Ré vor La Rochelle runden werde und dann wiederum weiter nach Pornichet segeln werde, war mir dann über Funk doch zu kompliziert…

Ich hörte dann noch zwei weitere Male: CAN YOU HEAR ME? Aber scheinbar reichte die Bordspannung schon nicht mehr aus, um meine Antwort entsprechend stark rauszugeben…

 

Die Kanalpassage nach Norden lief gut. Ich entschied mich östlich der Scillies, westlich von WOLF ROCK, in die Irische See zu fahren, um etwas Höhe zu machen und dann nach CONINGBEG wieder etwas tiefer anliegen zu können. In der Nähe von Lands End hatte ich Handy-Empfang. Positionsmeldungen an Classe Mini, Steffi und Eddie gingen raus.

Der Anlieger nach Coningbeg klappte wie geplant. Ca 20 Meilen hinter Lands End kam ich von unten hoch ins Cockpit und sah: Ich hatte einen kleinen Zaungast! Da saß ganz zitternd ein kleiner Vogel auf der Heck-Reling. Oje, er fiehl zweimal ins Wasser, kam aber beide male nach 2 Minuten wieder angeflattert. Immer noch aufgeregter. Er saß dann auf dem letzten Zentimetern der Fußreling. Ich konnte ihn nicht nocheinmal fallen sehen und ging ganz langsam zu ihm rüber. Er zitterte vor Kälte. Ich sprach mit ihm und dann nahm ich den kleinen Vogel in meine Hand. Er hatte keine Angst vor mir. Im Cockpit drückte er sich dann an mein Ölzeug, um sich zu wärmen. Es war ein tolles Gefühl, so einem kleinen, freien Leben Schutz geben zu können. Ich wollte ihn nicht gefangen halten und was sollte er auch in Irland? Nach einiger Zeit ließ ich allein in der Mitte des Cockpits. Er flatterte dann wieder in „seine“ Ecke und versuchte noch zweimal die Saling zu erreichen.

Zaungast an Bord von Coconut Run

Dann saß er neben mir. Um sich zu verabschieden: „Auf wiedersehen kleiner Vogel!“ Pass auf dich auf!“ Er flog zurück nach England.

 

Ich musste dann feststellen, dass CONINGBEG kein Feuerschiff ist, sondern ein gewöhnliches Süd-Kardinalzeichen. Aus diesem Grund war es auch nicht ratsam zu weit nödlich zu runden, denn Kardinale sollten ja eigentlich in der Richtungsangabe ihrer Himmelsrichtung passiert werden: Hier wäre es also südlich gewesen. Da ich die Tonne jedoch runden musste fuhr ich knapp nördlich vorbei und ich machte auch ein paar tolle Bilder von Coconut Run, Coningbeg Süd und mir.

 10 Tage und 10 Stunden...

In der Nähe des irischen Festlands gab es SMS-Abdeckung, große Freude: Ich konnte Positionsmeldungen an Classe Mini, Steffi und Eddie durchgeben.

 

Zurück ging es westlich um die Scillies und Bishop Rock. Leider sah ich weder die Insel noch Bishop Rock: „Liebe Scillies, lieber Rock! Zu Eurer Kenntnis: Ich komme dieses Jahr noch ein paar mal vorbei! Immer werdet Ihr es nicht schaffen Euch im Dunst verstecken!“

 

In der Mitte des Kanals flaute es für 12 Stunden komplett ab und mehrere Kaltfronten passierten mich. Nass, kalt, anstrengend und: Wirklich schlecht für die Batterien, da die einzige Lademöglichkeit das kleine 35Watt Solar-Paneel ist!! Von da an zwei Tage nur Nimbostratus-Wolken und damit Dauerregen. Ich kramte die Not-Posistionslaternen raus und montierte diese, damit die Restpower nicht auch noch für das Topp-Licht draufgeht und stellte mir die Frage, ob es eigentlich auch Batterie- oder mit eigenem Akku-betriebene Autopiloten gibt?

CocoutRun Rain Channel

 

 

In der Mitte der Biskaya, auf halben Weg zwischen Quessant und Rochbonne kommt die Sonne wieder vor und gibt die Möglichkeit alle Sachen zu trocknen und mich zu regenieren.

Mit wenig Wind geht es dann bei Tageslicht und jeweils in wenigen Schiffslängen abstand um die Tonnen des Plateaus de Rochebonne. Ich mache wieder die obligatorischen Fotos von den Tonnen, Coconut Run und mir.

NorbertMaibaum CoconutRun RochebonneSW

 

In der Ansteuerung in den Pertuis Antioche, zur Rundung von Ile de Ré stelle ich fest, dass ich mit 7,5 kn und gutem achterlichem Wind viel zu schnell bin und bereits in vier Stunden, also noch in der Nacht die Brücke zur Insel unterqueren muss und bei Niedrigwasser in den Pertuis Breton fahren würde. Ich finde das ungünstig und will außerdem auch mal Land sehen! Aus diesem Grund nehm ich die Genua runter und binde Reff 2 ins Groß. Und das ist gut, mit dieser Geschwindigkeit werde ich genau zum Vormittagshochwasser an der Brücke ankommen!

Und ich bin froh darüber, denn das grüne Wasser im Pertuis Antioche und der weiße Strand der Ile de Ré sehen wirklich toll aus. Es hat Karibik-Flair!

NorbertMaibaum IledeRe Passage

 

Auf den letzten 90 Meilen zurück nach Pornichet gibt es nachts vor Les Sables noch eine riesige Flaute und ich stehe einige Stunden fast auf der Stelle. Ich esse die restlichen Müsli-Riegel und lege mich für ein paar Minuten hin. Als wieder aufwache ist es 6.20, ich habe den Wecker nicht gehört und es ist mehr als eine Stunde vergangen. Draußen in der Dämmerung sieht alles gut aus. Als ich meine Position in die Karte eintrage stelle jedoch fest, dass ich in der einen Stunden mehr als 8 Meilen vorangekommen bin und inzwischen westlich der Ile Yeu stehe. Upps, ich hatte riesen Glück!! Ich habe nie mit so einem Strom-Versatz gerechnet und hätte rein von der Entfernung auch auf die Insel getrieben werden können… Ich werde daraus lernen!

 

5 Meilen vor Pornichet stehe ich dann nochmals für Stunden in der Flaute und quäle mich dann mit 1,1 Knoten fahrt über die Einfahrt zu Bucht und damit für mich über die Ziellinie. ICH HABE ES GESCHAFFT:

“QUALIF” - 1000 Meilen SOLO und NONSTOP

Die Hälfte der Qualifikation für das Azoren – Race in diesem Jahr und das Transat 6,50 2009 habe ich damit absolviert :-)

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4 responses so far ↓

  • 1 Eddie // Mai 15, 2008 at 16:31

    Ein ganz grosser herzlicher Glueckwunsch von mir! Bravo!

    Vielen Dank fuer den ausfuehrlichen Bericht!

  • 2 r2d2 // Mai 17, 2008 at 10:12

    Wenn auch etwas spät, aber Glückwunsch zu dieser Tour. Toller Bericht! Der Piepmatz wird dir ewig dankbar sein.

    S&R

  • 3 nadine // Mai 18, 2008 at 14:55

    glückwunsch auch von celly & mir! wirklich schöner bericht, ich hab das gefühl ich wär ein stück mit gesegelt *)

  • 4 nick affleck // Jun 27, 2008 at 20:32

    Nice bird!!!!

    this is 338 can you hear me!!!

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