Norbert Maibaum - Mini Saison 2008 - Transat 6,50 2009

GER 338 - Coconut Run

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Transat 6,50 2009 - Etappe 2 (1): “Die einfachste Möglichkeit…”

November 24th, 2009 · 3 Comments · Transat 6,50

.. sich einen ordentlich wilden Vollbart wachsen zu lassen - ohne gegenüber Beobachtern zwischendurch in Erklärungsnot zu geraten - ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Teilnahme an einer Einhand-Transatlantik-Regatta! Das wäre eine Erklärung, warum ich da draußen war… Fakt ist jedoch: Das MINI-Transat oder der offizielle Titel: “La Charente-Maritime/Bahia Transat 6,50″ hat mich aus einem mir selbst nicht ganz ersichtlichem Grund mehr als magisch angezogen: Ich wollte dabei sein. Unbedingt.
Und nun kann ich sagen: Ich war dabei! Zwei Etappen. Die Erste: 1100 Seemeilen, gesegelt in 8 Tagen und 17 Stunden von La Rochelle, Frankreich zur portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Die Zweite: gesegelt in 25 Tagen und 1 Stunde von Madeira nach Salvodor de Bahia, Brasilien. Ein Segelboot mit einer Länge von 6,50 Meter. Es heißt “Coconut Run”. Darauf nur ein Mensch. Ich, Norbert Maibaum.

SOLO. NON-STOP. OHNE ÄUSSERE HILFE.

Bereits eine ganze Woche vor dem Start der zweiten Etappe am 3. Oktober geht es los: Irgendwie fangen alle an über das Wetter zu reden. Den Besten, dass heißt schnellsten Kurs für die 3200 Seemeilen nach Brasilien  zu finden ist das Ziel. Das vom Veranstalter aufgebaute Zelt, in dem sich der Teilnehmer-Bereich befindet, ist dauerhaft mit Skippern und Ihren Laptops gefüllt. Das zur Verfügung stehende WLAN ist langsam.. denn jeder will die aktuellsten Grib-Daten runterladen und seinen Kurs vorausberechnen.

Drei Tage vor dem Start wird es schlimmer. “What do you think about the weather?” höre ich immer öfter,  “Wenn du falsch fährst stehst du 2 Wochen in der Flaute!”. Ich bleibe ruhig. Zumindest versuche ich das! Der Start kommt näher und nun gibt es das offizielle Wetterbriefing der Wettfahrtleitung für alle Teilnehmer. Dies ist eine Art Geheim-Veranstaltung, denn es dürfen nur Skipper teilnehmen. Begleitpersonen sind schon hier nicht mehr zugelassen. Das Briefing wird mittels eines Live-Telefonats mit Meteo-Consult, einem französischen Wetterdienst abgehalten. Keine Frage: Ja, natürlich auf französich! Ich finde einen Platz in der Gruppe der englisch-sprachigen Skipper. Hier wird simultan - von Annabelle - der Sekräterin der Classe-Mini übersetzt. Gut. Das Live-Telefonat läuft natürlich parallel dazu… also: Viel Spaß!

T650 briefing meteo Madeira

Mein Telefonat mit Eddie, der mehrere Routing-Optionen für mich durch seine selbst programmierte Routing-Software stundenaktuell errechnet, findet gegen 23 Uhr am Abend vor dem Start statt. Fazit ist: Wind aus Süd. Für die kommenden 3 Tage. Jedenfalls bis zu den Kanaren. Kurs deshalb: 100 Meilen - aber nicht mehr als 200 Meilen - nach Westen. Dann nach Süden und: Westlich der Kanaren bleiben, dazwischen (also eine Passage durch die Kanarische Inselgruppe) geht auch… Dicht an der afrikanischen Küste wird es Landwind geben, auch wenn sonst Flaute herrschen sollte. Nach den Kanarischen Inseln wird der Wind drehen und der Nord-Ost-Passat einsetzen..

Für eine Wetterprognose von mehr als 5 Tagen im Voraus sinkt die Zuverlässigkeit übrigens extrem. Irgendwie gut, denn wenigstens das Wetter, die Tiefs und Hochs machen auch im Jahr 2009 noch was Sie wollen. Sie sind nicht manipulierbar. Betteln, flehen. Schreien und fluchen - nichts davon wird helfen - Bereits vor hunderten Jahren war es wohl dasselbe.

Die See und das Wetter, beides muss akzeptiert werden.

Beim Transat 6,50 ist es nicht erlaubt einen Rechner mitzuführen, um unterwegs mit aktuellen Daten ein neues Routing zu erstellen. Es hilft also nur der täglich einmal über Kurzwelle ausgestrahlte unter auf einem SSB-Empfänger eingehende Wetterbericht der Wettfahrtleitung.

Am 3. Oktober um 2009, gegen 12.45 Uhr werde ich - wie die anderen Teilnehmer auch - aus der Marina in Funchal geschleppt. Eben noch spreche ich mit zwei Berliner Urlaubern am Steg. Und dann: der Abschied von Steffi… Mindestens 20 Tage, sicher mehr, liegen zwischen unserem nächsten Wiedersehen…

Noch in der Hafeneinfahrt muss ich das Großsegel setzen, das Dinghi fährt zurück und holt bereits das nächste Boot. Halsen und allein raussegeln. Ich habe kein Wind und drifte im Vorhafen langsam auf die aufgeschüttete Steinmole zu… Ein anderes Dinghi erkennt die Gefahr und kommt mit Vollgas heran und schiebt Coconut Run ein ganzes Stück weiter in Richtung Hafenausfahrt. Merci! …Glück gehabt!

Draußen entscheide ich mich für die Genua als Vorsegel, anstellte der kleineren Fock. Es weht beständig mit mit 10-12 Knoten. Es wäre ganz gut, wenn das zum Start so bleibt.

Es bleibt so. Zwei Minuten vor dem Start befinde ich mich noch in Lee und in der Nähe vom Startschiff, nicht allzu viele andere Boote sind dort. Ich fahre die Linie hoch, schaffe es aber nicht genügend Höhe zu laufen. Das ist nicht gut! Einige andere Schiffe sind nun bereits “über”mir, so dass der Platz für eine Wende nicht mehr ausreicht. Ich fahre - viel zu tief - weiter die Linie entlang. Über UKW-Funk ist die ganze Zeit die Wettfahrtleitung aktiv - nun ist der Countdown zu hören. Ich habe bereits die andere Seite der Startlinie vor mir, und es ist klar, dass ich auf diesem Bug nicht mehr über die Linie komme. Ich peile die anderen Schiffe und sehe eine Möglichkeit umzulegen und auf dem anderen Bug nochmal 20 Meter auf die Linie zuzufahren. .. Ok, das passt, kurz hinter der Tonne lege ich wieder um, super! Ich bin genau in die freie Lücke zwischen Tonne und einem anderen Teilnehmer reingewendet. Aber ich habe nicht genug Fahrt und muss abfallen…und berühre auf der Backbord-Seite, kurz vor dem Heck die Tonne… Das ist nicht gut! Aber ich fahre weiter! Für den Augenblick bin ich froh über die Linie gefahren zu sein. 26 Tage später werde ich dieses Manöver bereuen…

Ein Stück westlich der Startlinie vor Funchal liegt eine weitere Tonne, die noch passiert werden muss, bevor der Kurs zur nächsten Kursmarke, einem “Tor” in den Kapverdischen Inseln, frei gewählt werden kann. Mit einigen Kreuzschlägen erreiche ich diese Tonne nach ca. 30 min. Bereits ab dieser Tonne bilden sich zwei “Gruppen” von Booten - die “Groupe Sud” - die als erstes einen suüdlichen Kurs wählen und die “Groupe Quest” die Boote die als erstes nach Westen fahren. Ich befinde mich in der West-Gruppe und muss feststellen, dass einige andere Boot sehr dicht unter Land gefahren sind und nun durch “Strömung” gefangen sind. Ich habe einen guten Abstand zur Küste und spüre die Strömung, komme aber deutlich voran.

Mit der Zeit setzt eine gemeine Welle ein, aufgrund derer ich mich dazu entschließe, nicht zu hoch zu fahren, sondern erstmal “mit Geschwindigkeit” nach Westen…

20 Stunden, ca. 100 Meilen, dann wende ich und segle in südöstliche Richtung. Zwei weitere Wenden bringen mich innerhalb von sehr anstrengenden dreieinhalb Tagen zu den Kanarischen Inseln. Ich schaffe es nicht etwas warmes zu essen oder zu trinken, die Menües bestehen aus Müsliriegel, Apfel und Wasser. Am dritten Tag merke ich bereits, dass ich abgenommen habe… Einen Wetterbericht habe ich bis jetzt nicht empfangen können. Das Am-Wind-Segeln bei diesem Seegang ist eine extreme Belastung für mich, das Boot kracht in jede Welle. Das schmerzt mich noch mehr. Den zweiten Tag habe ich dauerhaft mehr als 28 Knoten Wind, die Anzeige steigt aber nicht über 33 Knoten. Trotzdem fahre ich mit 2tem Reff und Sturmfock, 6 Knoten stehen immer wieder auf der Logge. Irgendwann merke ich, dass ich einen Zieher bekomme. Ich werde also zwischen den Inseln Teneriffa und La Palma durchfahren. Aber bis dahin liegt noch ein guter Tag vor mir…

… und ich stelle fest, dass der Lümmelbeschlag - die Befestigung des Großbaumes am Mast - beginnt sich aufzulösen. Bevor ich realisiere was passiert sieht das Deck aus als wäre eine Menge Öl darauf getropft… aber es sind Späne des Gußeisernen Beschlages…

T650_Luemmelbeschlag

T650_Luemmelbeschlag

Der Bolzen hat am Beschlag zu viel Spiel. Bevor der Beschlag sich komplett auflöst oder bricht bleibt mir nur alle Segel runter zu nehmen und eine Lösung zu improvisieren: Gedacht - und runter geht das Großsegel. Die Genua lasse ich doch besser stehen. Der Beschlag wird mit einem 10mm Bolzen gehalten und hat Spiel - leider zuviel. Ich habe eine passende Unterlegscheibe an Bord, jedoch nur mit einem 8mm Öffnung. Ich habe eine kleine Rundfeile und feile die Scheibe passend. Das dauert ca. eine halbe Stunde, dann nehme ich den Baum raus, den Bolzen raus, die Scheibe rauf und den Bolzen wieder rein. Eine zweite Scheibe passt nicht.. Baum wieder ran. Meine Hände sind schwarz: zuerst abschrubben und das Großsegel geht wieder hoch!

 Transat 6,50 2009   Etappe 2 (1): Die einfachste Möglichkeit...

Ich bin absolut alle! Aber der Schaden ist repariert. Es geht weiter, am Wind!

 Transat 6,50 2009   Etappe 2 (1): Die einfachste Möglichkeit...

Endlich, zwischen den Inseln gerate ich in eine Windabdeckung. Das ist nicht gut um dem Ziel entgegenzukommen aber ich kann mich zum erstenmal wirklich erholen.

T650 Norbert Maibaum

Ich habe Funkkontakt zu Maxsence (132) und erfahre, dass er einen technischen Stopp einlegen wird. Die Wolken verziehen sich und ich sehe den höchsten Berg Spaniens, den Pico del Teide, mit 3718m Höhe.

 Transat 6,50 2009   Etappe 2 (1): Die einfachste Möglichkeit...

An Steuerbord sehe ich La Palma. Ich genieße zum ersten Mal die zweite Etappe, auch wenn ich momentan kaum Fahrt mache. Die vier Tage seit dem zweiten Start in Madeira waren kraftzehrend und wahnsinnig anstrengend. Es war alles andere als angenehmes Segeln: Gegenan knüppeln, bei 28 bis 32 Knoten Wind.

 Transat 6,50 2009   Etappe 2 (1): Die einfachste Möglichkeit...

Die gesamte Ausrüstung unter Deck ist komplett nass. Ich räume alles raus, kann mich auch waschen und esse zum erstenmal seit 4 Tagen etwas Warmes…

T650 erstes warmes Essen

Ich komme momentan nicht besonderes voran, aber ich kann mich erholen und …

T650 Flaute Ausrüstung trocknen

die Ausrüstung trocknen…

T650 Flaute Ausrüstung trocknen

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3 responses so far ↓

  • 1 Hanni Mertes // Dez 29, 2009 at 10:01

    Hallo Norbert!
    Wunderbar,daß wir noch im alten Jahr etwas von Dir hören!!
    Wir sprechen noch sehr oft von der Regatta und zu Weihnachten gab es ein Fotobuch mit all den tollen Booten aus Funchal:-)))
    Bin gespannt auf die Fortsetzung*!!!*
    LG HANNI

  • 2 Heidi Klee // Dez 29, 2009 at 23:51

    Hallo Norbert!
    Es ist sehr spannend Deinen Bericht zu lesen und einmal mehr sind wir froh, daß Du diese anstrengende Regatta gesund überstanden hast.
    Ein gutes Jahr 2010 wünscht Dir die Klee-Familie

  • 3 Wassersportler // Mai 31, 2010 at 22:32

    Wow, tolle Bilder!! Bin ich ja grad bisschen neidisch!! War sicherlich sehr schön aber auch anstrengend, oder?

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