Norbert Maibaum - Mini Saison 2008 - Transat 6,50 2009

GER 338 - Coconut Run

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Transat 6,50 2009 - Etappe 1: “In der nächtlichen Ansteuerung…”

September 27th, 2009 · 6 Comments · Transat 6,50

einer bisher unkannten Insel bei Nacht liegt ein besonderer Reiz. Dieser wird umso mehr verstärkt wenn du bereits acht Tage und einige Stunden allein und nonstop auf einem 6,50 Meter langen Boot dorthin unterwegs warst, übermüdet bist und dich nach einer Dusche und einem richtigen Kaffee sehnst.

Die vielen Lichter an Land machen bei Nacht die Identifikation einer Hafeneinfahrt auch aus geringer Entfernung schwieriger als bei Tage. Ich hatte also die Positionsangabe der äußeren Hafenmole - die die eine Begrenzung der Zielllinie markierte - als Wegpunkt im GPS gespeichert, um direkt darauf zufahren zu können.

Transat6.50 Start 338 NorbertMaibaum Transat 6,50 2009   Etappe 1: In der nächtlichen Ansteuerung...

10 Meilen vor dem Ziel frischt der Wind aus einer Düse zwischen Madeira und der etwa 30 Meilen weiter östlich gelegenen Insel Porto Santo auf bis zu 25 Knoten auf und es fängt zum ersten Mal auf dieser ersten Etappe an zu regnen. Ich ziehe mir also doch nochmal die dicke Öljacke an und plötzlich stehen trotz zweitem Reff im Großsegel nochmal 10.5 Knoten auf dem Speedometer.

Vier Meilen vor der Ziellinie, die ich wegen der vielen Lichter an Land immer noch nicht erkennen kann, melde ich mich über Funk bei der Wettfahrtleitung und kündige meinen bevorstehenden Zieleinlauf an. Ich erhalte sofort eine Bestätigung und auch den Hinweis auf ein “feu rouge” und ein “feu flash” auf die ich zuhalten soll.  Das ist doch nun wirklich eine Hilfe!

Der Wind nimmt unvermittelt sehr schnell stark ab: Jetzt 3 Knoten - und nun von vorn! Ich müsste eigentlich unbedingt ausreffen, aber das Gummi vom Achterstag hängt über dem ausgestellten Kopf des Großsegels fest, so dass das Ausreffen kraftzehrend wird. Ein letztes Mal anstrengen. Die Genua ist vom Halbwindkurs noch viel zu bauchig getrimmt und die Holepunkte müssen für den Am-Wind-Kurs nach hinten. Aber die Verstellung klemmt auf einmal! Es dämmert bereits und da sind auch schon zwei Schlauchboote hinter mir.

Ich kämpfe immer noch damit komplett auszureffen. Nebenbei fahre ich zwei Wenden, die überhaupt nicht klappen. Hinter mir die beiden Schlauchboote. Es regt mich auf, das nichts funktioniert. Ich will über die Linie! Nur noch 0.3 Knoten Wind!! Direkt von Vorn! Noch 0,55 Meilen bis zur Linie. Die Schürze der Genua hängt an der Relingstütze! Wir bewegen uns in einer Zeitlupe. Der Schweiß läuft unter der dicken Jacke. Es ist fast hell. Jetzt endlich ist das Groß oben. Die Genua steht. Über Funk höre ich: “Trois cent trentehuit - arrivé”. “YESSS!!” “Whooooww!” und ich antworte über Funk: “Merci beaucoup, Brigitte!”

Ich habe es also geschafft die erste Etappe gewertet zu beenden, obwohl die acht Tage vor dem Zieleinlauf waren für mich sehr lang und etwa zur Hälfte sehr anstrengend:

Am Start war ich etwas spät, obwohl ich die Fock gut hochging. Aber ich wollte nach dem Crash von Pornichet im April, nicht nochmal ein Ramming haben. Einige Boote waren aber auch in meiner Nähe und ich wusste, dass die Richtung stimmt: Es sollte eine Luvtonne in etwa einer Meile Entfernung geben, die zu runden ist - so mein Verständnis der französich-sprachigen Ansage auf dem Race-Channel 72.

Nach einiger Zeit sah ich diese Tonne und auch andere hielten darauf zu. Kurz bevor ich diese orange Tonne erreichte kam wieder eine Funkansage: “La boueé de degagement cést rouge!”. Es sollte also eine rote Tonne gerundet werden. Aha - die Tonne vor mir war aber orange! Nun gingen die Fragen von anderen Skippern über Funk los. Vor allem die bereits ca. 2 Meilen entfernten und sich unter großem Spi weiter absetzenden Boote wollten wissen was diese Ansage bedeuten sollte. Aber als einzige Antwort kam wieder “La boueé de degagement cést rouge!”. Damit war klar, das ein Großteil aller Schiffe die falsche Tonne gerundet hat und wieder zurück kreuzen musste. Ich hatte wirklich Glück und fuhr direkt weiter zur richtigen Bahnmarke.

Genau als ich umlegen muss beginnt das DSC-Warnsignal der Funke seinen schrillen Ankündigungston. Dieser “klingelt” solange bis eine Bestätigung ausgelöst wird. Ich versuche das laute Klingeln zu ignorieren, die Höhe reicht nicht und ich lege nur 10m vor der Tonne noch einmal um damit ich die Tonne nicht berühre. Dann folgt die Wende zurück und schon bin ich um diese einzige Marke des folgenden 1100 Seemeilen langen Kurses rum. Das Rennen kann nun wirklich losgehen…

Durch fehlende Praxis in den vergangenen Monaten bereite ich in Ruhe meinen kleinen Spi (Anmerkung: Spi ist asymetrisch, 38qm, in Deutschland würde man auch Gennacker sagen) vor und checke alles noch einmal bevor ich den Spi ziehe. Es sind nun ca. 15 bis 18 Knoten Wind, hin und wieder etwas mehr. Langsam wird es mehr. Steffi, Ronny, Silja und mein Papa - die zusammen zum Start mit einer gecharterten First 21 draußen waren sehe ich leider nicht mehr. Ich hätte Ihnen gern noch einmal zugewunken…

Von hinten kommen nun - etwas tiefer als mein Kurs - bereits die ersten Boote die zurück zur richtigen Luvtonne mussten. - Alle mit großem Spi. Der Wind nimmt zu, ich fühle mich gut mit meinem kleinen Spi, auch wenn die anderen schneller sind. Später nimmt der Wind ab, ich wechsele dann doch auf den großen Spi (72qm).

Es geht in die erste Nacht und frischt wieder auf. Erst ein Reff ins Groß, dann nehme ich den Spi bei 22kn runter. Ich ruhe mich etwas aus und fahre die erste Nacht mit dieser Besegelung so weiter. Am Morgen ist mir schlecht. Wind und Welle von hinten, aber die See schaukelt unsere Coconut Run gut durch. Bevor ich es zu lange verkneife, übergebe ich mich und gehe schlafen. Ich ärgere mich - aber es lässt sich nicht ändern. Jedenfalls bin ich auf Kurs, wenn auch sicher unterpowert. Aber mein Körper setzt hier gerade die Signale und verlangt meine Aufmerksamkeit. Das Boot ist erstmal die Nr. 2…

Am Morgen des dritten Tages esse ich ein paar Salzkekse. Die Magensituation bessert sich und wir sind wider Erwarten bereits ganz in die Nähe von Kap Ortegal gelangt. Als nächstes wird meine Aufmerksamkeit auf das große Verkehrstrennungsgebiet am Kap Finisterre gezogen. Ich frage mich selbst: “Außen oder innen rum?” und entscheide mich sehr spät für innen, d.h. ich werde die Inshore Traffic Zone (Küstenverkehrszone) nutzen. Da es auch in der ITZ einigen Schiffsverkehr geben kann und es inzwischen Nacht ist, melde ich mich bei Finisterre Traffic an und melde meine Passage mit 210 Grad. Kurz darauf sehe ich mit einiger Geschwindigkeit genau rot und grün auf mich zukommen. Dass heißt: Es fährt genau ein Schiff auf mich zu. Ich funke das Schiff an und es meldet sich Finisterre Traffic zurück und gibt mir zu verstehen, dass “this ship is engaged in a professional shipping movement and has priority.” Ich lasse mir dies nochmals bestätigen und würde nun lieber außerhalb der ITZ passieren. Geht aber nicht! … Das Schiff zeigt mir immer noch rot und grün, aber es kommt nicht näher..Vielleicht hat mein Funkruf doch etwas bewirkt? Ich bleibe erstmal weiter auf Kurs. Gut. Das Schiff kommt nicht näher. Ich passiere die 25sm ohne weitere Zwischenfälle. Am Morgen bin ich endlich vorbei. Ein Stein fällt mir vom Herzen! Ich prüfe den Kurs nach Madeira und kann direkt 210° anliegen. Klasse! Ich freue mich, dass das funktioniert!!!

Transat 6,50 2009 - Etappe 1: “In der nächtlichen Ansteuerung…”Transat 6,50 2009 - Etappe 1: “In der nächtlichen Ansteuerung…”Transat 6,50 2009 - Etappe 1: “In der nächtlichen Ansteuerung…”
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Der Wind nimmt nun zu, so dass ich mit Fock und zweitem Reff bei achterlichem Wind gut vorankomme. Auch “Nils Konrad Erich” unser Autopilot kann den Kurs bei den inzwischen 25+ Knoten gut steuern. Der Wind bläßt stetig und die Welle von hinten passt dazu. ist aber weiterhin sehr unangenehm. Dieses Segeln kostet einfach Kraft. Ich überlege, ob mir das Spaß macht oder es vielleicht besser wäre im Pfälzer Wald auf Kastanienlese zu gehen und anschließend in eine Straußwirtschaft auf einen Leberknödel einzukehren!

Am fünften Tag dreht der Wind, die Welle lässt nach und irgendwann segeln wir auf einem sehr soften Am-Wind-Kurs. Ich denke nun zum ersten Mal seit fünf Tagen an Kochen. Ich mache Wasser heiß, greife in die Nahrungsdose und entscheide mich für einen Linseneintopf. Wunderbar! So geht es in die Nacht.

Am nächsten Morgen fahren wir nur noch 2 Knoten Speed bei einem Wind von einem Knoten. Aber wir bewegen uns weiter auf dem richtigen Kurs. Irgendwie erscheint es mir die ganze Zeit unwirklich, dass auf diesem Kurs unser Ziel Madeira liegen soll. Ich prüfe das nochmal, aber die Zielposition und der Kurs stimmen. Der Wind nimmt weiter ab. Ich denke an Duschen und keine 5 Minuten später stehe ich im Cockpit und hole mir dieses so schöne blaue Wasser mit der Pütz. Das ist ein supergeiles Gefühl nach fünf Tagen in Ölklamotten und Stiefeln! Geil! Der Wind bleibt den ganzen Tag sehr sehr flau. Ich habe wieder Zeit zum Kochen: Die Nahrungskiste offenbart mir “Hühnchen mit Spinat”.

Die Flaute dauert bis in die Nacht. Zum Morgen kommt eine leichte achterliche Brise. Ich ziehe den großen Spi und mache bei 6 kn Wind fast 6 Knoten Fahrt. Das passt, finde ich. Herrliches segeln den ganzen Tag lang. In der Nacht wird es mehr Wind und erst dann nehme ich den Spi runter. Vor mir und hinter mir sehe ich jeweils ein Licht. Nach sechs Tagen zum ersten Mal! Der Wind dreht und ich entscheide mich irgendwann für einen Südkurs anstelle eines Westkurses. Der Südkurs erscheint mir dichter an der direkten Linie zu liegen.

Ich fahre den ganzen darauffolgenden Tag weiter diesen Südkurs. Wir werden wieder von einer unangenehmen Welle begleitet. Als Mittags über Monaco Radio “Naya” das Race Radio die aktuellen Positionierungen sendet, merke ich, dass die “Westfahrer” schneller sind. Das lässt sich nun nicht mehr ändern! Ich versuche der Situation etwas Positives abzugewinnen. Ich fahre weiter und muss auf diesem Kurs nun erst östlich an der Insel Porto Santo vorbei, um dann rechts “abzubiegen” und direkt auf Funchal zusegeln zu können. Ich stelle mir vor, dass ich auf der nicht genommenen Nordansteuerung hinter Porto Santo, die über 500 m hoch ist, sicher in eine Flaute gefahren wäre.

Als ich umlege, um direkt auf Funchal zuhalten zu können, kann ich fast einen Halbwindkurs halten und ich mache 7,5 Knoten Fahrt. Noch gute 35 Meilen… und bald werden aus dem hellen Schein am Horizont die ersten Lichter auftauchen. Ich denke: “Das schaffe ich noch vor dem Hellwerden”.

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6 responses so far ↓

  • 1 Heidi Klee // Sep 27, 2009 at 19:12

    Hallo Norbert,
    wir freuen uns mit dir über die erfolgreiche 1. Etappe und wünschen Dir für die 2. Etappe beste Wetterbedingungen und eine glückliche Ankunft in Brasilien.
    Liebe Grüße von der Klee-Familie

  • 2 Pierre // Sep 28, 2009 at 03:14

    Hey Nobse,

    … well done mate. Das klingt ja alles wieder sehr aufregend. Es macht Spass Deinen Trip online mitzuverfolgen. Viel Erfolg weiterhin.

    Liebe Gruesse aus dem sonnigen Brisbane

    Pierre’sen

  • 3 Hanni Mertes // Sep 28, 2009 at 19:46

    Hallo Norbert!
    Wir haben uns in Funchal mal kurz gesprochen und ich bin begeistert,wenn ich von der Tour etwas lese!!!
    Pass gut auf die kleine Deutschlandente auf:-)))))
    Grüße von Hanni Mertes

  • 4 Claudia Koch // Sep 28, 2009 at 20:15

    Glückwunsch, lieber Norbert, zum Erfolg auf der ersten Etappe! Tanke nochmal richtig viel
    Energie, Liebe und gutes Essen, bevor es am Samstag weitergeht. Wir grüßen Dich und Steffi und drücken Dir fest die Daumen für die zweite “Runde” bei idealem Wetter und vor allem bester Gesundheit! Sarah, Udo & Claudia

  • 5 Peter Dr. Neuling // Sep 28, 2009 at 21:13

    Hallo Norbert Maibaum,
    Berliner LÖWE auf dem Atlantik,
    der Große Kurfürst würde Sie auf Empfehlung des Yacht Club Roter Löwe zum Admiral seiner Flotte ernennen. Wir freuen uns, dass es Ihnen gut geht und dass Sie sich bereits so schön nach vorne gesegelt haben.
    Weiterhin guten Wind, angenehme Welle und nautische Weisheit.
    Gruß von Peter Neuling, 1. Präsident des YCRL

  • 6 Michael Kerstan // Sep 30, 2009 at 08:52

    Herzlichen Glückwunsch Norbert für die erfolgreiche Etappe. Halte mal Ausschau nach der Albatros, die sind am Samstag 13:oo Uhr in Gibraltar Richtung Madeira gestartet. Mast und Schotbruch für die nächste Etappe. Viele Grüße von Michael und Mareen.

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